Ulrich P. Hagg MA MBA

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Rundbrief Nr. 12

Verfrühtes Dunkel
Mehltau trübt die bunten Bilder
Frösteln lähmt die muntern Glieder
Schwacher Trost: Mit meiner Schwäche
Find ich mich in allen wieder.
Biene summt nicht, Echse jagt nicht
Katz und Hund verharrn verbiestert
Sonne wärmt nicht, Strahl erhellt nicht
Seit der Holden Braue düstert.
Morgenlektion
Schaut dein Auge trüb zu Boden
Kommt der Hund vorbeigeflogen
Wird dein Blick auch wider Wille
Aufgefrischt und hochgezogen.
Will dein finsteres Gemüte
Allem Frohsinn sich verweigern
Lehrt ein Blick auf das Geflatter
Leben kann nur Leben steigern.
Lob des Ergriffenseins
Wenn dich was ergreifen will
Lasse dich ergreifen.
Cool sein ziemt dem jungen Mensch
Ergriffensein dem reifen.
Ruft dich jemand zur Vernunft
Ist auf ihn gepfiffen:
Du hast ja nicht hingelangt –
Es hat dich ergriffen.

Mit drei Gedichten von Robert Gernhard aus dem Buch „Klappaltar“ möchten wir Sie auf den beginnenden Herbst einstimmen. Eine besondere Qualität der kühleren, oft nebligen oder diesigen Zeit ist die stärkere Rückbesinnung – manchmal das Zurückgeworfensein – auf das Innen; so wie wir auch wieder stärker Innenräume bewohnen.

Unser Leben besteht aus diesem Wechselspiel von äußeren und inneren Welten, von sich Einlassen und sich Einbringen, von Wahrnehmung und Gestaltung.

Martin Buber meint hierzu in seinem Buch „Ich und Du“ sinngemäß: Das Ich bekommt seine Form erst in der Beziehung zum Du. Vor jedem Ich, das erst langsam ab dem 3. Lebensjahr formuliert und geformt wird, waren wir Teil des Ganzen, wie ein Tropfen im Meer, ohne Grenze zwischen Du und Ich, dem Innen und dem Außen. Begleitet durch laufend neu entstehende Wünsche und dementsprechende Interessenskonflikte entsteht Schritt für Schritt dieses eigenständige Ich. Und nach der Phase der Fixierung auf dieses Ich als Mittelpunkt des Universums, damit es sich festigen kann, erwächst ein Gewissen, eine soziale Intelligenz, sofern das Ich begreift, dass es in Geben und Nehmen reifen kann. So wie in der kindlichen Entwicklung weiß man inzwischen auch in der Neurobiologie, dass dieses Ich eine nachträgliche Aneignung des Bewusstseins von erlebten Empfindungen und längst getroffenen Entscheidungen ist, die durch unterschiedliche kulturelle Prägungen und Gewohnheiten bestimmt wird. Es gibt stärkere Individuationsgesellschaften und Familien und stärkere Kollektivgemeinschaften.

Meine Großmutter z. B. wusste immer ganz genau, was gut für einen und für alle war, und dem durfte man nicht widersprechen. Der Interessenskonflikt zwischen inneren Bedürfnissen und äußeren Weisungen oder Ratschlägen war von vornherein entschieden.

In den ersten Gedichten findet sich eine häufig wahrgenommene Qualität dieser Jahreszeit wieder: eine dunkle, düstere Stimmung. Es gibt weniger Licht, nach den alltäglichen Pflichten finden weniger Freizeitunternehmungen statt; obwohl wir gerade jetzt Begegnung und Bewegung brauchen könnten wie einen Bissen Brot. „Leben lässt sich nur durch Leben steigern“, das heißt ein bewusstes Hinwenden zum Lebendigen.

In einem Workshop im Juli stellte Marshall Rosenberg seine bekannte Frage: „What is alive in you?“ Was ist in dir an Gefühlen, Bedürfnissen und Wünschen? Oder ist es ein unbestimmtes Mischgefühl an Unzufriedenheit? Unlängst wurde herausgefunden, dass nicht nur Kopfschmerz Stirnrunzeln verursacht, sondern auch Stirnrunzeln Kopfschmerz. Vielleicht hilft eher die systemische Sicht auf die Wechselwirkung und Bedingtheit aller Faktoren weiter, als die Suche nach kausaler Wirkung, die oft nur vermeintlichen Erfolg bringt.

Schließlich wünschen wir Ihnen für die kommende Zeit ein uncooles Sensibel-Sein für die Töne der inneren Klaviatur als Resonanz der Empfindungen und Bedürfnisse, sowie gute, lebendige, wärmende Strategien, wenn die äußere Düsternis und Kälte zu nah an Sie herantritt.

Ulrich P. Hagg MA, MBA




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